Der Eseltreiber
Nach einer wahren Geschichte
von Helga Diel und El Bardanohi
Das Wetter in Ägypten ist trocken. Es regnet fast nie. Der heiße Wind weht den ganzen Sommer lang durch die Straßen und wirbelt feinen Staub in die Luft. Eine Straße im Armenviertel der Stadt. Die kleinen Häuser sind aus Lehm. Sie haben in der Regel keine Toilette. Die Menschen verrichten ihre Notdurft auf den flachen Dächern. Die meisten Männer und Frauen der Straße sind arbeitslos. Er ist Mitte zwanzig. Er ist ein dünner junger Mann. Er ist ein Analphabet. Er arbeitet als Eseltreiber. Er hat einen halbverhungerten Esel. Die Karre, die der Esel zieht, ist aus Restholzstücken zusammengezimmert. Die Räder sind aus alten profillosen Autoreifen. Auf der Karre liegt immer ein Bündel voll Gras. Der junge Mann verlässt sein Haus früh am Morgen vor dem Sonnenaufgang. Er geht immer an den Bahnhof, wo andere Eseltreiber und Pferdekutschen auf Aufträge, die Ihnen Gott an diesem Tag schicken wird, warten. Es kann sein, dass jemand mit einer Maschine kommt, die zur Reparatur gebracht werden muss. Es kann aber auch ein Sack Getreide oder ein Möbelstück sein. Die meisten Menschen haben keine große Achtung vor dem Beruf des Eseltreibers. Das Wort „Eseltreiber“ ist ein Schimpfwort. Aber er ist zufrieden. Das Geld das er verdient, reicht gerade, um seine Familie durchzubringen.
Es sind fünf junger Männer zwischen 16 und Mitte 20. Sie tragen kurze weiße Galaabeas und Plastikschlapen. Drei von ihnen haben einen Vollbart. Sie gehören zur Muslimischenbruderschaft. Sie haben vereinbart, den Eseltreiber zur richtigen Religion zu führen. Sie sehen es als ihre Mission an. Sie gehen oft zu seinem Haus, um über den Islam mit ihm zu reden. Sie sagen ihm, dass der Islam die wahre Religion sei und das Christentum falsch sei. Der Eseltreiber weigert sich. Sie gingen immer mit zum Bahnhof, um dort weiter mit ihm zu reden. Er sagt immer nein. Jedes Mal wenn er einen Auftrag bekommt, hindern sie ihm daran diesen auszuführen. Schließlich unterhalten sie sich über wichtigere Dinge als den Auftrag. Die anderen Eseltreiber freuen sich darüber, dass er die Aufträge nicht erledigt, so hatten sie zumindest mehr zu tun. In der nächsten Stufe standen sie vor seine Haustüre und hinderten ihn daran, sein Haus zu verlassen. Nachts ließen sie ihn in Ruhe. Dann fingen sie an, ihn zusammenzuschlagen. Die überfüllte Straße mit Christen und Muslimen haben das alles gesehen und gehört und sie haben nichts getan. In einer Nacht, ging er die Kirche. Er weinte sich beim Priester aus und erzählte ihm seine Geschichte. Der Priester seufzte, die Hilflosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben : „ Malesch (Macht nichts), Du sollst diesen Schmerz im Namen Jesu Christi ertragen. Wir wissen, dass das echte Jerusalem im Himmel ist, wo es keinen Schmerzen gibt.“ Die Schläge wurden härter. Er durfte gar nicht mehr Arbeiten und konnte seine Familie nicht mehr versorgen.
An einem Tag wurde aus der Moschee die am Ende der Straße steht, verkündigt, dass es am Abend nach dem Gebet eine glückliche Feier stattfinden wird. Gefeiert wird, dass der Eseltreiber zur wahren Religion gefunden hat. Abends stand ein Pickup vor der Moschee. Der Eseltreiber, gekleidet in einem weißen Gelabea stand drauf. Er wird bejubelt. Er schaut ins nichts. Sein Kopf ist gebeugt. Die fünf jungen Männer hindern die Massen daran zu Eseltreiber vorzudringen. Sie nehmen die Gratulationen entgegen. Die Frauen schreien den Jubelschrei. Seine Mutter stand weiter weg. Sie schrie und schlug sich selbst ins Gesicht. Sie bekreuzigt sich. Gewehrschüsse erfüllen die Luft wie bei einer Hochzeiten. Dann steigen die fünf jungen Männer in den Pick-up. Sie fahren durch die Straßen und verkündigen die gute Nachricht, dass wieder einer zur Wahren Religion bekehrt und nun von der Höller errettet wurde. Sie fahren ins Polizeipräsidium, wo der Eseltreiber mit seinem Fingerabdruck bestätigen muss, dass er nun ein Moslem ist und dies ohne Druck geschehen ist. Der Priester war auch dort. Er musste unterschreiben, dass er keine Bemühungen anstellen werde, den Eseltreiber wieder zum Christentum zu bekehren. Der Priester ging. Ein paar Tage später ging der jüngere Bruder des Eseltreibers zum Priester, weinte sich aus und sagte: „Sie stehen vor meiner Tür.“
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