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Mittwoch, 28. Juli 2010 um 19:44 Uhr

Bishoy

Nach einer wahren Begebenheit

 

Er war drei Jahre alt, als er auf das Dach des Hauses seiner Großeltern kletterte. Das Dach ist flach, wie alle anderen Dächer in der Gegend, denn es regnet kaum. Ein bis zwei Mal im Jahr allerhöchstens. Er klettert auf die niedrige Mauer, die das Dach umgab und fiel auf die Straße.

 

Die Nachbarn im Armenviertel am Rand der Stadt holen schnell ein Hantur. Sie sammelten  und gaben es der Mutter, die mit ihrem verletzten Sohn ins Krankenhaus fuhr. Die Familie und die Nachbarn sind in Sorge. Er warsehr verletzt. Allah sei mit ihm.

 

Wie durch ein Wunder wurde Bishoy gerettet. Er überlebte. Er wurde  anders als vor dem Sturz. Er redet anders. Er artikulierte bestimmte Laute nicht mehr. Er sagte nicht mehr „Bishoy“ und nannte sich selbst „John“. Nach und nach nannten ihn alle anderen auch „John“. Er hatte immer wieder Krämpfe und leidete unter Atemnot. Er bekam immer Angst vor lauten Stimmen und aggressiven Geräuschen. Wenn er durch etwas erschreckt wurde rannte er schnell weg und stellte sich ganz dicht an die Wand.

 

Die Jahre vergingen. Bishoy wurde zwölf. Er trug immer einen sauberen Galabea und saubere Schuhe. Er hatte einen offenen Gesichtsausdruck. Er lächelte viel. Wenn er mit jemand redete, dann sah er ihm direkt in die Augen. Er war ruhig. Er bewegte sich nicht viel. Obwohl seine Aussprache schlecht war, führte er viele Gespräche. Die Leute redeten gern mit ihm. Sie sagten, sie fühlten sich bei ihm geborgen.

 

Bishoy und seine Eltern lebten im Haus der Großeltern. Es war ein altes Haus aus Lehm und in der Sonne getrockneten Backsteinen. Das Dach bestand aus Ästen des Dattelbaumes, der Fußboden aus Erde, die durch das ständige darüberlaufen und die Wasserreste, die immer wieder darauf tropften, glänzte.

Das Haus hatte zwei Zimmer, die übereinander gebaut waren. Im unteren lebten die Großeltern, im oberen Bishoy und seine Eltern. Besonders im unteren Zimmer war es schwül und dunkel. In den Zimmern wurde geschlafen, gegessen und Gäste empfangen.

 

Der Großvater kümmerte sich sehr um Bishoy. Er achtete darauf, dass Bishoy immer gepflegt war, sein Gesicht gewaschen , seine Haare glatt gekämmt, dass er einen sauberen Galabea und saubere Schuhetrug.

 

Er ist in seinen 60’zigern. Er hat viele Krankheiten. Das schlimmste für ihn sind seine Nierenprobleme und sein Rheuma. So zumindest nennt er seine Leiden. Er war deswegen noch nicht beim Arzt. Er kann es sich nicht leisten. Er hat weder das Geld für den Arztbesuch, noch für die Medizin, die er wahrscheinlich verschrieben bekäme. Aber sein Nachbar hat die gleichen Symptome und der war beim Arzt und der Arzt sagte, er habe Nierenprobleme und Rheuma. Und so weiß Bishoys Großvater, dass er Nierenprobleme und Rheuma hat.

 

Der Großvater nannte seinen Enkel Baraka (Segen). Wenn der Großvater Rheuma- oder Nierenschmerzen hat ruft er Bishoy, um seine Hände auf die schmerzenden Stellen zu legen. Er sagte, dass wenn sein Enkel seine Hand auf diese Stellen legt, die Schmerzen besser werden. Die anderen Familienangehörigen und Nachbarn sagten das Gleiche und bitten Bishoy, wenn sie Schmerzen haben, seine Hand auf diese Stelle zu legen. Wenn ein Nachbar loszog, um Arbeit zu suchen oder ein Schüler in der Schule eine Prüfung absolvieren muss, dann bitten sie Bishoy für sie zu beten, denn sie sind sich sicher, dass wenn Bishoy für sie betete, das Gebet erhört wird.

 

Bishoy hat Schwierigkeiten in der Schule, er kann weder Lesen noch Schreiben. Er muss er die Schule verlassen. Seine Eltern schickten ihn zu einem Schreiner in der Stadt, um das Handwerk zu erlernen aber auch da klappt es nicht. Die Informationen, die er bekommt, haben für ihn keine Bedeutung. Auch Geld ist etwas, was er nicht begreifen konnte. Bishoy musste nun den ganzen Tag zu Hause bleiben. Seine Eltern und sein Großvater kümmerten sich viel um ihn aber er langweilt sich.

 

In der Stadt gründeten ein paar junge Leute einen Verein um etwas aufzubauen, was sie „Schule für Behinderte“ nannten. Ihre Idee war es, Kindern, die nicht in die Schule gehen konnten und die keinen anderen Platz haben, weil die Straße für sie zu gewalttätig war, einen Ort zu bieten zu dem sie hingehen konnten.

 

Bishoy war glücklich wieder aus dem Haus gehen zu können. Die Kinder die in diese Schule gehen, sind sehr verschieden: in ihrem Verhalten oder in ihrer Art zu reden. Manche von ihnen sind ständig in Bewegung, andere bewegen sich kaum. Einige bewegen sich regelmäßig vor und zurück, andere von links nach rechts und wieder andere machen kreisende Bewegungen.

 

Die ersten Tage waren  für ihn. Er hatte große Angst. Er stellte sich dicht an die Wand und ging nicht weg. Aber die anderen Kinder gingen immer wieder zu ihm. Sie mochten ihn wegen seiner friedlichen Art. Einer der jungen Mitarbeiter ging auch immer wieder zu ihm und versuchte ihn von der Wand zu locken. Langsam fasste Bishoy Vertrauen zu ihm.

 

Über ein Jahr verging und die jungen Leute, die voller Hoffnung die Schule aufgebaut haben wurden immer enttäuschter. Es verbesserte sich nichts. Sie bekamen  keine Unterstützung. Manche Eltern nahmen sogar ihre Kinder wieder aus der Schule und sagten: „Ein Jahr ist vergangen und unsere Kinder können immer noch nicht lesen und schreiben.“ Oder  „Unsere Kinder haben sehr schlechte Angewohnheiten in der Schule gelernt.“ Immer mehr der jungen Mitarbeiter und der Kinder verliesen die Schule, aber Bishoy blieb und auch der junge Mann zu dem er Vertrauen gefasst hatte, bleibt. Der junge Mann sagte immer wieder, dass Bishoy einen entlastenden und friedlichen Geist habe. Wenn man mit ihm sei, fühle man sich viel besser. Bishoy sei etwas ganz besonderes.

 

Eines Tages, mit 17, erzählte Bishoy, dass er Maria, die Mutter Jesu, aus dem Marienbild, das an der Lehmwand des Zimmers, in dem er wohnt, hängt, heraustreten sah. Maria sei an ihm vorbeigelaufen. Die Eltern nehmen es als normal hin. Bishoy sei doch ein Heiliger und Heilige sehen Maria. Aber der Großvater bekommt Angst. Maria erscheine nur, um eine Botschaft zu überbringen. Nach ein paar Tagen erwiesen  sich die Ängste des Großvaters als richtig. Bishoy hatte Blutkrebs. Bald darauf stirbt er. Die Leute sagen: „Es ist normal, dass er jetzt stirbt, denn der Platz der Heiligen sei bei den Engeln und nicht bei den Menschen.“ Die Mutter erzählt, dass er im Sterben auf das Bild von Maria geschaut habe. Sie habe ihn gefragt: „Was siehst Du?“ und er habe geantwortet: „Ich sehe eine weise Taube, die das Bild von Maria verlies hat und aus dem Fenster flog“.

 

Viele Menschen starben vor und nach Bishoy. Die meisten wurden vergessen worden. Aber an Bischoy erinnert man sich. Die Leute sagten: „Er war einer der Menschen, die Gott zufriedengestellt hatten, in dem er liebte ohne etwas dafür zu erwarten.“ Sie erinnern sich oft daran, wie er die Leute empfangen und wie er ihnen Frieden geschenkt hatte. Sogar die Erinnerung an ihn schenkt ihnen Frieden.

 

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